ELEONORE HETTL – eine Vollblutmalerin!
von Hannes Niederlechner
Vor gerade einmal hundert Jahren haben sich in Österreich die Frauen das allgemeine Wahlrecht erkämpft. Die Zeit der Emanzipation und Gleichstellung mit dem männlichen Geschlecht war ein langer Weg und ist in vielen Bereichen noch nicht abgeschlossen.
Auch in der Kunst haben viele herausragende Künstlerinnen Jahrzehnte gerungen, um jene Anerkennung zu erlangen, die ihnen auf Grund ihres einzigartigen Schaffens gebührt!
Zu Österreichs bekannten Künstlerinnen zählen, um nur einige wenige zu nennen, die Stimmungsimpressionistinnen Tina Blau, Maria Egner oder Olga Wisinger-Florian, wie auch Norbertine Bressler-Roth oder Gerhild Diesner, Kiki Kogelnik, Martha Jungwirth, Xenia Hauser usw. Die am internationalen Kunstmarkt wohl am meisten Beachtete ist die 2014 verstorbene Kärntner Malerin Maria Lassnig. Ihre Werke erzielen inzwischen „astronomische Preise“.
All diese Künstlerinnen, deren Reihe sich noch fortsetzen ließe, zeichnen sich durch eine unverkennbare, authentische Handschrift aus. Sie ist auch der niederösterreichischen, 1949 in St. Pölten geborenen Malerin Eleonore Hettl eigen. Sie ist eine Künstlerin, bei der man geradezu spürt, dass die Malerei ihr zentraler Lebensinhalt, ihr Lebenselixier ist.
Ihre künstlerische Neigung wird schon im Alter von vier Jahren durch ihren Vater, dem Maler Karl Schuh erkannt und entsprechend gefördert. Ab dem 14. Lebensjahr erhält Eleonore Hettl eine Ausbildung im Aktzeichnen bei Prof. Zöchling in St. Pölten und zusätzlichen Unterricht beim Münchner Maler Herbert Fischer. Weitere Kunststudien in den unterschiedlichsten Maltechniken folgen, wie zum Beispiel das Studium altmeisterlicher Techniken bei Prof. Ernst Fuchs.
In all den Jahren hat die Künstlerin das Aktzeichnen nie abgelegt. Inzwischen ist sie sogar selbst zu einer gefragten Kursleiterin in dieser „Disziplin“, wie auch anderer Maltechniken geworden. Die Zeichnung ist für Eleonore Hettl das Um-und-auf, um überhaupt in der Malerei bestehen zu können. In ihren „Sekunden/Minuten-Akten“, d.h. das Modell ändert in kurzer Folge seine Position, offenbart sich die Virtuosität einer Könnerin, die es versteht, mit geschultem Blick und sicherem Strich, das Wesentliche, den Typ und den Charakter des Modells einzufangen! Für sie sind das Fingerübungen! Fingerübungen, die ihr in der freien Malerei vor dem Motiv besonders zu gute kommen! Denn das Arbeiten in der Landschaft verlangt oft ein rasches sich Einstellen auf eine geänderte Situation, wie auf einen plötzlich einsetzenden Wind, auf ein aufziehendes Gewitter usw.
Für Eleonore Hettl, die leidenschaftlich gerne unter freiem Himmel arbeitet, ist dafür das Aquarell für lange Zeit das ideale Medium. Als Meisterin des Aquarells räumt sie dem Untergrund, der ausgesparten weißen Fläche, viel Raum ein und lässt die Farbe in Nass-in-Nass-Technik sich entwickeln. Dabei ist sie eine Malerin, die den Pinsel frei von Intellekt ihren Emotionen folgen lässt! Reizvoll jongliert sie mit Konkretem und Unkonkretem.
Nicht umsonst gelingt es ihr, durch die Poesie dieser stimmungsvollen Werke in die meisten Publikationen der österreichischen Aquarellmalerei aufgenommen zu werden. Auch heute noch greift die Künstlerin immer wieder zum Aquarell, wenn sich auch mit zunehmender Reife ihr Malschwerpunkt auf eine andere Technik, die Acrylmalerei verlagert hat.
In dieser Technik hat Eleonore Hettl ein ihren Wünschen und ihrem Wesen entsprechendes Ausdrucksmittel gefunden. Ihr Drang nach größeren Formaten und gesteigerter Farbigkeit wird hier gestillt. Zudem erlaubt ihr die Acrylfarbe mit ihrer raschen Trocknungszeit, weiterhin direkt vor dem Motiv zu arbeiten, ob nun in ihrer nunmehrigen Waldviertler Heimat oder in südlichen Gefilden, wie etwa am Gardasee, in der Toskana oder in dem von ihr so geliebten Venedig. Auch entspricht die Acrylmalerei ganz ihrem Temperament, ihrem quirligen Wesen, das sich in ihrer Malerei in großzügigen, heftigen und expressiven Pinselhieben entlädt. Wahre Farbkaskaden modellieren in einer breiten Palette warmer Ocker-, wie auch Blau-Töne, das von ihr Gesehene.
Mit Leidenschaft und Gefühl fängt sie die sonnendurchflutete Landschaft des Südens aber auch die Welt ihrer Heimat, des entlegenen Waldviertels ein - Toskana versus Waldviertel: Dort der Duft des Südens, der Gräser, des Ginsters, in einer Landschaft, wo Zypressen das Auge in Richtung Himmel lenken und das Lied der Zikaden im Wettstreit mit dem Säuseln des warmen Windes an den endlosen Hügelketten steht, vereinzelt gekrönt von Städten, Dörfern und Gehöften. Und hier das Zuhause, das Waldviertel, das dem vorherigen in vielem gar nicht so unähnlich ist. Es birgt ebenso den Duft der Landschaft, hier der erdigen Scholle des Ackers. Es gewährt den freien Blick über das weite Hügelland, wo sich die Dörfer allerdings in die Senke ducken, geschützt vor Wind und winterlicher Unbill. Laubbäume säumen als Alleen die einsamen Straßenzüge und Wege. Sie geben Schutz und behüten die vielen Teiche und Wasserläufe, welche die Künstlerin auch gerne in stimmungsvollen Gemälden festhält. Es ist die Liebe zur Natur, das große Herz der Künstlerin, die uns einfühlsam den Reiz und den Zauber dieser gegensätzlichen, aber doch mit vielen Gemeinsamkeiten behafteten Landstriche näher bringt.
Als sich Eleonore Hettl 1992 mit ihrem Lebenspartner, dem Maler Wilhelm Kollar, in eine kleine, abseits gelegene Ortschaft des Waldviertels zurückzieht, ist es vor allem die Abgeschiedenheit, die Ruhe, um arbeiten zu können, die sie dazu bewegt. Ausschlaggebend ist auch ihr erworbenes Domizil, das ehemalige Dorfgasthaus. Es zeichnet sich durch einen Tanzsaal aus, den sie zu einem großen Atelier umfunktionieren. Hier schaffen sich beide Künstler mit viel Einsatz ein Refugium, wo es sich leben und arbeiten lässt. Eine Unzahl von Bildern, Staffeleien und Farbpaletten zeugen von ihrem gemeinsamen, unermüdlichen Schaffensdrang. Als Künstlerehepaar sind sich Hettl und Kollar, der in der Abstraktion zu Hause ist, gegenseitig die größten Kritiker - positive Kritik, die sie in ihrem Qualitätsanspruch vorantreibt!